November 2005

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Würde die evangelisch-lutherische Kirche Martin Luther einstellen?


Es war ein Herbsttag des Jahres 1517, als der katholische Theologe Martinus Luther 95 Thesen zur Disputation an die Wittenberger Schloßkirche anschlug, welche weitreichende Folgen haben sollten.  Diese Folgen freilich konnte Luther damals noch nicht absehen. Er hatte sich lediglich erhofft, dass die besonders von ihm ins Visier genommene Ablasspraxis zur Disposition stehen könnte und in ihrem damaligen Wildwuchs abgeschafft werde.

Dann kam es Schlag auf Schlag. Luthers Gegner versuchten ihn zu vernichten, mit theologischen Geschützen, Reichtagen und Bannbullen wurde gegen ihn scharf gemacht.
Und auch Luther veränderte nach und nach seine Theologie, nachdem er erkannt hatte, dass die Ablasspraxis, der Anlass, lediglich die Spitze eines Eisberges theologischen Unfuges war. Die Rechtfertigungslehre entwickelte er zu einem der gewichtigsten Pfeiler seiner Theologie und konnte sich dabei insbesondere auf den paulinischen Römerbrief berufen. Theologische Volksbildung wurde ihm ein Anliegen, die Übersetzung der Bibel in eine Sprache, welche dem Volk aufs Maul schaute, also modern, zeitgemäß, gut verständlich und für alle deutschen Dialekte lesbar.
Die Veränderung der Abendmahlsvorstellung von der Transsubstantiation zu einer Konsubstantiation, welche den realen Vollzug mehr berücksichtigte sowie rituelle Vereinfachungen – ohne gleich Bilder zu stürmen – folgten.
Nach vielen Zeiten und noch einer Zeit, nach vielen Irrnissen und Kämpfen entstand – die evangelisch-lutherische Kirche, auch, wo ich wohne, die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern.

Zu Beginn des Jahres 2003 gab es da wieder einen katholischen Theologen, nennen wir ihn Günther K. Seit vielen Jahren hatte er sich mit dem Glauben und der Theologie auseinandergesetzt und hatte schließlich „seiner“ Kirche den Rücken gekehrt. Freilich hatte sich nach ungefähr 500 Jahren einiges geändert und gebessert. Trotzdem, im Grunde blieben einige Fragen so stehen, wie sie damals Martin Luther gestellt hatte.
Günther K. hatte vor einigen Jahren bereits sein Studium der katholischen Theologie abgeschlossen, eine Zusatzausbildung zum Sozialpädagogen daraufgelegt und arbeitete als Unternehmensberater. Eigentlich ein paar interessante Qualifikationen.
Vor Jahren bereits hatte er Kontakt zur evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern aufgenommen und ihm war signalisiert worden, dass er, sobald er sich entschließe, einen Weg in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern schon finden könne.
Seit vielen Jahren arbeitete er zudem ehrenamtlich in der Evangelischen Jugend München mit.
Zu Beginn des Jahres 2003 also gab es wieder einen katholischen Theologen, welcher sich an das Landeskirchenamt der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern wandte.
Und, wie um dem Namenskürzel Landes-Kirchen-Amt gerecht zu werden, geschah nichts: Lange keine Antwort heißt demnach auch die spöttelnde Bezeichnung, welche so mancher Gemeindepfarrer dem hohen Gremium zulegt.
Freilich, die Herren hatten gewechselt, die dem katholischen Theologen Günther K. wohlgesonnen waren, ja ihm gar Hoffnung gemacht hatten, waren weggegangen, neue Besen an deren Stelle getreten.
Schließlich setzte sich ein hochrangiger Theologieprofessor für Günther K. ein. Da kam eine Antwort: Er müsse evangelische Theologie studieren oder die vierjährige Ausbildung für Pfarrverwalter in Neuendettelsau (welche Menschen aus „weltlichen“ Berufen, also Metzger und Bäcker etc. die Chance in den „geistlichen“ Stand geben will) absolvieren. Günther K. fragte beim Prüfungsamt nach. Ja, sagte man ihm, aber es wäre natürlich eine Ausnahme möglich, dass also die katholischen Prüfungen als gleichwertig anerkannt würden.
Versprechen können man da freilich nichts.
Günther K. sammelte alle abgelegten Prüfungen und Scheine, solche etwa über Bultmann und Bonhöffer, bekanntlichermaßen evangelische Theologen, zusammen, ließ sie beglaubigen und sandte sie dem Landeskirchenamt zu.
Tatsächlich wurde ein Gespräch am Ende des ersten Halbjahres 2003 anberaumt.
Wenige Tage vor dem geplanten Treffen fasste Günther K. die mündlich besprochenen Punkte nochmal kurz zusammen und wollte sich den Termin bestätigen lassen.
Gut, dass Sie anrufen, sprach der Kirchenrat daraufhin, jetzt wissen wir doch nicht, ob wir überhaupt einen katholischen Theologen nehmen wollen. Ich werde Ihnen noch Bescheid geben. Wieder vergingen ein paar Tage. An einem Abend, zwei Werktage vor dem anberaumten Meeting, kam eine kurze Mail.
Darin stand lapidar, ein Gespräch käme nicht in Frage, zumal als katholischer Theologe der richtige Ansprechpartner die katholische Kirche sei. „Schuster bleib bei deinen Leisten“, ließe sich das paraphrasieren.
Über sein Engagement in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern kein Wort. Kein Interesse also an einem Ex-Katholiken.
Da bliebe nur zu fragen: Hätte die evangelisch-lutherische Kirche im Jahre 2003 den katholischen Theologen Martinus Luther eingestellt?

Wohl nicht!

 
 

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