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Würde
die evangelisch-lutherische Kirche Martin Luther einstellen?
Es war ein
Herbsttag des Jahres 1517, als der katholische Theologe Martinus Luther
95 Thesen zur Disputation an die Wittenberger Schloßkirche anschlug,
welche weitreichende Folgen haben sollten. Diese Folgen freilich
konnte Luther damals noch nicht absehen. Er hatte sich lediglich
erhofft, dass die besonders von ihm ins Visier genommene Ablasspraxis
zur Disposition stehen könnte und in ihrem damaligen Wildwuchs
abgeschafft werde.
Dann
kam es Schlag auf Schlag. Luthers Gegner versuchten ihn zu vernichten,
mit theologischen Geschützen, Reichtagen und Bannbullen wurde gegen ihn
scharf gemacht.
Und auch Luther veränderte nach und nach seine Theologie, nachdem er
erkannt hatte, dass die Ablasspraxis, der Anlass, lediglich die Spitze
eines Eisberges theologischen Unfuges war. Die Rechtfertigungslehre
entwickelte er zu einem der gewichtigsten Pfeiler seiner Theologie und
konnte sich dabei insbesondere auf den paulinischen Römerbrief berufen.
Theologische Volksbildung wurde ihm ein Anliegen, die Übersetzung der
Bibel in eine Sprache, welche dem Volk aufs Maul schaute, also modern,
zeitgemäß, gut verständlich und für alle deutschen Dialekte lesbar.
Die Veränderung der Abendmahlsvorstellung von der Transsubstantiation
zu einer Konsubstantiation, welche den realen Vollzug mehr berücksichtigte
sowie rituelle Vereinfachungen – ohne gleich Bilder zu stürmen –
folgten.
Nach vielen Zeiten und noch einer Zeit, nach vielen Irrnissen und Kämpfen
entstand – die evangelisch-lutherische Kirche, auch, wo ich wohne, die
evangelisch-lutherische Kirche in Bayern.
Zu Beginn des Jahres 2003 gab es da wieder einen katholischen
Theologen, nennen wir ihn Günther K. Seit vielen Jahren hatte er
sich mit dem Glauben und der Theologie auseinandergesetzt und hatte
schließlich „seiner“ Kirche den Rücken gekehrt. Freilich hatte
sich nach ungefähr 500 Jahren einiges geändert und gebessert.
Trotzdem, im Grunde blieben einige Fragen so stehen, wie sie damals
Martin Luther gestellt hatte.
Günther K. hatte vor einigen Jahren bereits sein Studium der
katholischen Theologie abgeschlossen, eine Zusatzausbildung zum Sozialpädagogen
daraufgelegt und arbeitete als Unternehmensberater. Eigentlich ein paar
interessante Qualifikationen.
Vor Jahren bereits hatte er Kontakt zur evangelisch-lutherischen Kirche
in Bayern aufgenommen und ihm war signalisiert worden, dass er, sobald
er sich entschließe, einen Weg in der evangelisch-lutherischen Kirche
in Bayern schon finden könne.
Seit vielen Jahren arbeitete er zudem ehrenamtlich in der Evangelischen
Jugend München mit.
Zu Beginn des Jahres 2003 also gab es wieder einen katholischen
Theologen, welcher sich an das Landeskirchenamt der
evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern wandte.
Und, wie um dem Namenskürzel Landes-Kirchen-Amt gerecht zu werden,
geschah nichts: Lange keine Antwort heißt demnach auch die spöttelnde
Bezeichnung, welche so mancher Gemeindepfarrer dem hohen Gremium zulegt.
Freilich, die Herren hatten gewechselt, die dem katholischen Theologen Günther
K. wohlgesonnen waren, ja ihm gar Hoffnung gemacht hatten, waren
weggegangen, neue Besen an deren Stelle getreten.
Schließlich setzte sich ein hochrangiger Theologieprofessor für Günther
K. ein. Da kam eine Antwort: Er müsse evangelische Theologie studieren
oder die vierjährige Ausbildung für Pfarrverwalter in Neuendettelsau
(welche Menschen aus „weltlichen“ Berufen, also Metzger und Bäcker
etc. die Chance in den „geistlichen“ Stand geben will) absolvieren.
Günther K. fragte beim Prüfungsamt nach. Ja, sagte man ihm, aber es wäre
natürlich eine Ausnahme möglich, dass also die katholischen Prüfungen
als gleichwertig anerkannt würden.
Versprechen können man da freilich nichts.
Günther K. sammelte alle abgelegten Prüfungen und Scheine, solche etwa
über Bultmann und Bonhöffer, bekanntlichermaßen evangelische
Theologen, zusammen, ließ sie beglaubigen und sandte sie dem
Landeskirchenamt zu.
Tatsächlich wurde ein Gespräch am Ende des ersten Halbjahres 2003
anberaumt.
Wenige Tage vor dem geplanten Treffen fasste Günther K. die mündlich
besprochenen Punkte nochmal kurz zusammen und wollte sich den Termin
bestätigen lassen.
Gut, dass Sie anrufen, sprach der Kirchenrat daraufhin, jetzt wissen wir
doch nicht, ob wir überhaupt einen katholischen Theologen nehmen
wollen. Ich werde Ihnen noch Bescheid geben. Wieder vergingen ein paar
Tage. An einem Abend, zwei Werktage vor dem anberaumten Meeting, kam eine
kurze Mail.
Darin stand lapidar, ein Gespräch käme nicht in Frage, zumal als
katholischer Theologe der richtige Ansprechpartner die katholische
Kirche sei. „Schuster bleib bei deinen Leisten“, ließe sich das
paraphrasieren.
Über
sein Engagement in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern kein
Wort. Kein Interesse also an einem Ex-Katholiken.
Da bliebe nur zu fragen: Hätte die evangelisch-lutherische Kirche im
Jahre 2003 den katholischen Theologen Martinus Luther eingestellt?
Wohl
nicht!
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