
Ein Ausflug in die Kulturstadt
Weimar
von Brigitte Bräutigam
Die Teilnehmer des Literaturkreises der
Melanchthon-Kirchengemeinde nahmen Schillers Todesjahr zum
Anlass für eine Fahrt nach Weimar.
Zeitig am Morgen des 1. Oktober ging es los mit unserem
bewährten Reiseunternehmen Wetzel, diesmal mit dem Fahrer Axel.
Dem Wetterbericht nach sollte es ein Tag mit viel Regen werden;
trotzdem begaben wir uns frohgelaunt auf die Fahrt.
Gegen 11.30 Uhr erreichten wir Weimar und wurden von der
Stadtführerin zu einem sehr interessanten Rundgang erwartet.
Der begann auf dem Theaterplatz vor dem National-Theater. Hier
tagte die Weimarer Nationalversammlung und rief 1919 die
Weimarer Verfassung aus, das erste demokratische Grundgesetz für
die Deutschen.
Das Theater steht dort seit 1857. Nach vielen Umbauten wurde es
im Bombenhagel 1945 weitgehend zerstört. Durch Wiederaufbau und
Modernisierungen entstand 1948 der heutige Bau.
Davor steht das berühmte Doppelstandbild der beiden
Geistesgrößen Schiller und Goethe. Es gilt als das bekannteste
in der Bildhauerkunst, geschaffen von Ernst Rieschel.
Gegenüber das Bauhaus-Museum. Es war von dem Baumeister Condray
errichtet worden; ursprünglich als Asservatenhaus des Theaters.
Heute wird es als Kunsthalle genutzt.
Daneben liegt das Wittumspalais. Hier befand sich der Wohnsitz
der Herzogin-Mutter Anna-Amalia. Bereits mit 36 Jahren gab sie
ihre 17jährige Regentschaft auf und setzte ihren erst 18jährigen
Sohn Carl-August in alle Geschäfte ein. Sie hatte nun Zeit ein
neues Haus zu gestalten.
Wöchentlich traf sich hier zur „Tafelrunde“ alles, was Rang und
Namen hatte. Gleichzeitig richtete Goethe die
„Freitagsgesellschaft“ aus.
Das kleine Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach mit der Hauptstadt
Weimar zählte in diesen Zeiten um 100 000 Einwohner; Weimar etwa
6000.
Hierher in die kleine Stadt an der Ilm fanden in der folgenden
Zeit große Künstler und Talente ihren Weg: Goethe, Schiller,
Herder, Liszt, Bach, Gropius, Zeiss …
Über den Zeughof ging es weiter und wir gelangten zur
Stadtkirche Peter und Paul, auch Herderkirche genannt.
Sie stammt bereits aus dem 15.Jahrhundert. Das berühmte
dreiteilige Altarbild von Lucas Cranach dem Älteren wurde nach
dessen Tod von seinem Sohn vollendet. Im Mittelpunkt ist der
gekreuzigte Christus zu sehen. Das Thema ist die „Erlösung des
Menschen allein durch den Glauben“.
Der jüngere Cranach fügte neben seinem Vater auch Luther und
Johannes den Täufer mit ein. Der Dichter Johann Gottfried
Herder, 1744 in Mohrungen Ostpreußen geboren und 1803 in Weimar
gestorben, studierte Theologie unter dem Einfluss Kants. Er
predigte hier in der Stadtkirche viele Jahre als
Generalsuperintendent, nachdem Goethe ihn nach Weimar geholt
hatte. Vor der Kirche steht sein Denkmal.
Weiter gingen wir zum Residenz-Schloß.
Es ist eine Vier-Flügel-Anlage und befindet sich auf dem Gelände
einer alten Wasserburg. Der Schlossturm ist der älteste Teil der
Anlage. Immer wieder wurde das Schloss in den folgenden Jahren
durch Feuer zerstört. 1774 wirkte Goethe beim Wideraufbau als
Berater mit.
Sammlungen von berühmten Bildern, Graphiken, Münzen und
Kunsthandwerk sind hier untergebracht.
Auf dem „Platz der Demokratie“ entstand nach einem Brand 1761
die „Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek“. Der Bibliothekssaal war
eine weltweit bekannte Sehenswürdigkeit. Kostbarste
Handschriften, Erstdrucke, mittelalterliche Buchkunst waren dort
untergebracht. Goethe leitete mehr als dreißig Jahre diese
Sammlungen. Am 2.September 2004 brach ein großes Feuer in dem
Gebäude aus und vernichtete fast vollständig das Unesco
Welterbe. 50.000 Bände wurden total vernichtet. 62.000 Bände und
Gemälde wurden durch Feuer und Wasser stark beschädigt. Die
Restaurationsarbeiten werden viele Jahre in Anspruch nehmen. Das
Gebäude muß nach umfangreicher Trocknung von Grund auf saniert
werden. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten läuft
eine Spendenaktion. 2007, dem 200.Todesjahr von Anna-Amalia,
sollen die wiederhergestellten Räume der Öffentlichkeit erneut
zugänglich gemacht werden.
Vor der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek steht das Reiterdenkmal
von Carl August.
Nun gingen wir weiter, immer noch –oder schon wieder?- bei
strömendem Regen in den Park an der Ilm. Von hier aus sahen wir
hinüber zu Goethes Gartenhaus. Goethe bekam es 1776 vom Herzog
geschenkt. Hier entzog er sich des turbulenten Hoflebens und
schrieb einige seiner Dramen. Das keine Flüsschen Ilm inmitten
herrlichen frischen Grüns beflügelte ihn immer aufs Neue. Hier
trafen wir auch einen Gingko-Baum an. Diese Baumart kommt aus
Asien, hat graugrüne, in der Mitte tief eingeschnittene Blätter.
Der Baum steht in China für Ying und Yang.
Nun wandten wir uns wieder dem inneren Stadtkern zu: Vorbei am
Haus der Frau von Stein. Charlotte war viele Jahre hindurch
Goethes enge Freundin. Obwohl sie gut verheiratet war und sieben
Kinder hatte, fühlte sie sich von Ihrem Ehemann, einem
herzoglichen Stallmeister, vernachlässigt.
Weiter ging es zum nahe gelegenen Goethe-Haus am Frauenplan, dem
geistigen Zentrum der Stadt. Hier lebte und arbeitete Goethe
über 50 Jahre. Ursprünglich hatte Herzog Carl-August es als
Handelshaus gekauft, schenkte es aber später Goethe. Nach
mehreren Um- und Ausbauten ist in diesen Räumen auch die
Weimarer Klassik bis 1832 dargestellt. Es ist das meistbesuchte
literatur-historische Museum.
Auf dem Marktplatz stehen die beiden schönsten
Renaissance-Häuser der Stadt: das Stadthaus und das
Cranach-Haus. Das Stadthaus war als Rats- und Handelshaus erbaut
worden. Das Cranach-Haus, erbaut 1549, war das Wohnhaus von
Lukas Cranach.
Dort steht auch das Rathaus von 1837 im neugotischen Stil. Im
Turm erklingt ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan.
Im Hotel „Elefant“ stiegen schon zu Goethes Zeiten viele
prominente Gäste ab. Nebenan in der ältesten Gaststätte der
Stadt „Zum schwarzen Bären“ wurden wir zum Mittagessen erwartet.
Angefüllt mit vielen neuen Eindrücken, hungrig, pudelnass und
mit lahmen Füssen kehrten wir dort ein.
Nach einer Pause, die jeder für sich nutzte, folgte dann die
Besichtigung von Schillers Wohnhaus.
Schiller heiratete 1790 Charlotte von Lengefeld und zog 1799 mit
seiner Familie nach Weimar.
Zunächst wohnte er mit Frau und vier Kindern zur Miete. 1802
kaufte er das Haus an der alten Esplanade, heute Schillerstraße.
Erst 1804, ein Jahr vor seinem Tode war es abbezahlt. Er empfand
das einfache Bürgerhaus für sich als ruhigen und bequemen
Wohnsitz.
In leuchtendem Gelb hebt es sich heute von den höheren und
eleganteren Gebäuden in der Straße ab. Seitenflügel und
Museumsanbau entstanden erst später. Nach Schillers Tod bewahrte
Charlotte das Haus als Schillers heiliges Andenken. Sie liebte
es sehr. Erst nach ihrem Tode wurde es mit Möbeln, Hausrat und
Kunstgegenständen verkauft. Heute bietet es auch einen Eindruck
von Wohn- und Arbeitsbereichen jener Zeit.
Im Untergeschoss befinden sich Küche, Dienerzimmer und
Wirtschafträume; ebenso ein Raum für wechselnde Ausstellungen.
Das 1.Obergeschoss zeigt die Wohnräume der Familie.
In der 2.Etage liegen weitere Wohnräume und das Arbeitszimmer
Schillers. Hier steht auch sein berühmter Schreibtisch. Der
Dichter nutzte die Schublade als Vorratskammer für Äpfel, auch
angebissene. So lag immer ein leichter modriger Geruch über dem
Raum.
Schiller starb am 09.Mai 1805. Er arbeitete zuletzt an dem Drama
„Demetrius“. Ein Blatt mit seiner Handschrift liegt heute noch
an seinem Arbeitsplatz.
Mit diesen Eindrücken gingen wir zum Bus zurück und verließen
Weimar in Richtung Apolda. Dort legten wir eine kurze
Kaffeepause ein, um danach nach Berlin zurückzukehren. Gegen
22.00Uhr erreichten wir wieder unseren Melanchthon-Platz.
Ein langer, eindrucksvoller Tag war zu Ende.
Wir danken allen, die an der Vorbereitung und Ausführung dieser
Fahrt an den „Wallfahrtsort des Geistes“ beteiligt waren.
Insbesondere Herrn Dr.Detering für seine vorbereitenden
Literaturabende, Herrn Tauchert für die Verbindung zur Firma
Wetzel, dem Fahrer Axel, der uns sicher durch den Straßenverkehr
gelenkt hat, Frau Keil und Frau Heidfeld für ihren aufklärenden
Vortrag von Herrn Schaller über Herrn Schiller.
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