Martin Luther -
sein Leben und Werk
Von Brigitte
Bräutigam
Unter diesem
Thema findet sich im September/Oktober diesen Jahres der
Literatur-Kreis der Melanchthon-Gemeinde zusammen.
Nach einer
filmischen Einführung fand am 6. September eine gemeinsame
Tagesfahrt nach Wittenberg statt. Hier lebte und arbeitete Luther
viele Jahre seines Lebens.
Wir trafen uns,
wie schon zu den vorherigen Fahrten, an der Kirche und starteten
pünktlich um 8.30 Uhr nach Wittenberg. Wieder fuhren wir mit dem
uns bereits bekannten Fahrer Manfred vom Busunternehmen Wetzel.
Die
abgeernteten Felder neben der Autobahn lagen im hellen
Sonnenlicht. Ab und zu kamen wir an einem See, gesäumt von
Wäldern, vorbei. Pfarrer Dr. Detering verkürzte uns die Fahrt mit
Luther-Zitaten und Weisheiten.
Bei der Abfahrt
Neusedin erreichten wir die A2 und kamen so gegen 10.30 Uhr in
Wittenberg an. Dort erwartete uns eine junge Stadtführerin, so daß
wir gleich mit der Führung beginnen konnten.
Vor uns erhob
sich der gewaltige 88 Meter hohe Turm der Schlosskirche mit
dem weithin zu lesenden Luther-Zitat „Ein feste Burg ist unser
Gott“. Der Turm ist der älteste noch erhaltene Teil des Schlosses.
In verschiedenen Kriegen wurde er teilweise als Geschütz-Plattform
genutzt. Die Schießscharten verdeutlichen dies noch sichtbar.
Später veränderte man den Turm durch Aufsetzen von Spitzkuppeln.
Das Schloß
selbst war ursprünglich im 11. und 12. Jahrhundert worden von den
Askaniern und Wettinern wieder umgebaut. Im 19. Jahrhundert begann
der Umbau zu einer preußischen Zitadelle. Dazu wurde ein Graben um
den gesamten Gebäude-Komplex gezogen.
Seit 1918 wurde
das Schloß als Kaserne genutzt.
Die
Schlosskirche mit der bronzenen Thesentür zählt heute zu den
Hauptanziehungspunkten in Wittenberg.
Der imposante
Turm ist das Wahrzeichen der Stadt.
Wir betraten
die Schlosskirche durch die Seitentür und gelangten in den
ehemaligern Nordflügel des Schlosses. 1503 wurde dieser als Kirche
„Allerheiligen“ geweiht. Die Ausstattung war überaus prachtvoll.
Unter den Werken deutscher, niederländischer und italienischer
Meister ragte der wahrscheinlich 1515-1520 entstandene Hauptaltar
von Lucas Cranach heraus. Auch Nebenaltäre z.B. von A. Dürer waren
vorhanden. Durch den Lauf der Zeit aber verschwanden viele
Kostbarkeiten.
Von 1507 an
befand sich hier für 300 Jahre die Universitätskirche. Heute sehen
wir nach Betreten der einschiffigen Hallenkirche zuerst drei
Ölgemälde unbekannter Meister des 18. Jahrhunderts. Sie zeigen die
beiden berühmten Universitäts-Professoren Martin Luther und
Philipp Melanchthon und ein paar Schritte weiter das von Johann
Hinrich Wichern. Unter der Kanzel befindet sich in der Gruft
der Sarg Luthers. Er war 1546 in seiner Geburtsstadt Eisleben
verstorben und hier beigesetzt. Eine schlichte Bronzeplatte weist
in lateinischer Sprache darauf hin. An der Wand ist ebenfalls eine
Bronzeplatte angebracht, auf der Luther mit seiner Bibel und dem
Familienwappen, der Rose zu sehen ist.
Auf der anderen
Seite liegt sein Freund und Mitarbeiter, der Gelehrte Philipp
Melanchthon. Auch hier deutet eine Bronzeplatte darauf hin.
Melanchthon war 1560 gestorben.
An der linken
Wand des Altarraumes steht das Denkmal Friedrich d. Weisen.
Es ist aus Bronze gegossen von Peter Vischer aus Nürnberg. Nach
diesem Vorbild schuf er einige Jahre später das gegenüberstehende
Denkmal des Kurfürsten Johannes d. Beständigen. Zu beiden Seiten
des Altars knien zwei Ritter aus Marmor. Die Altarfiguren stellen
Christus mit Petrus und Paulus dar.
Der neugotische
Altar und das Chorgestühl wurden von Wittenberger und Berliner
Bildhauern geschaffen. Die Orgel hat 3.500 Pfeifen und wurde erst
1994 restauriert.
Friedrich
Schinkel gestaltete 1832 das schwere bronzene Taufbecken.
Von den hohen
Sandstein-Pfeilern stehen Standbilder von bedeutenden Wittenberger
Reformatoren. An den Emporen sind Medaillons von Gelehrten und
Künstlern der Zeit angebracht. Ebenso die Wappen der reformierten
Fürsten und Adligen. Die farbigen Glasfenster zeigen
Darstellungen aus der biblischen Geschichte.
Nach der
Besichtigung gingen wir weiter zur Thesentür. Hier hat
Luther „aus Liebe zur Wahrheit und dem Wunsch, sie an den Tag zu
bringen...“ – der Überlieferung nach – am 31.10.1517 seine 95
Thesen an das „Schwarze Brett“ der Universität geschlagen. Die
originale Holztür wurde bereits 1760 durch eine Bronzetür ersetzt.
Luthers Angriff
auf die katholische Kirche mit ihrem Ablaßhandel griff tief
in geltendes Recht ein und unterband dadurch eine wesentliche
Einnahmequelle der katholischen Kirche.
Denn: „Für
gegangene Sünden muss der Mensch wahre Reue empfinden. Nur dann
kann er auf vollständige Vergebung von Strafen und Schuld hoffen,
auch ohne Ablassbriefe.“
Ein Bild im
Bogen über der Tür zeigt den gekreuzigten Jesus. Links daneben
kniet Luther mit einer deutschen Bibel in der Hand, rechts
Melanchthon mit einer Ausgabe der Augsburger Konfession. Der
Hintergrund zeigt das Stadtbild von Wittenberg.
Nun ging es
weiter die Schloßstrasse entlang. Vorbei an schön
restaurierten Häusern.
Durch Tafeln
über den Haustüren erfährt man, welche prominenten Menschen hier
in früheren Zeiten übernachtet haben. So besuchten z.B. Carl XII.
von Schweden als auch Zar Peter der Große Wittenberg.
Unser nächstes
Ziel war der Cranach-Hof. Beide, Vater und Sohn, haben über
viele Jahre in Wittenberg gelebt und gearbeitet. Heute, im
Cranach-Jahr, sind Kunstausstellungen und Künstler-Werkstätten zu
besichtigen. Im Cranach-Hof ist eine Malschule schon seit Cranachs
Zeiten beheimatet. Bei Interesse kann man hier Malunterricht
nehmen und auch gleichzeitig auf dem Gelände wohnen. Lucas Cranach
d.Ä. hat seine Gemälde mit einer gekrönten Schlange mit
Fledermausflügeln signiert.
Nun ziehen wir
weiter die Collegienstraße entlang und gelangen auf den Markt.
Hier fällt sofort das neugestaltete Renaissance-Rathaus ins Auge.
Davor stehen Standbilder von Luther und Melanchthon. Werke von
Joh. Gottfried Schadow und Karl Friedrich Schinkel.
Weiter ging es
über historisches Kopfsteinpflaster zum Kirchplatz mit der
Stadtkirche St. Marien. Sie steht auf dem höchsten zentralen
Platz. Von hieraus entwickelte sich die Stadt.
Die Kirche St.
Marien war Luthers bevorzugte Predigtkirche.
Die Kanzel, auf
der Luther gepredigt hat, ist bei einer Neugestaltung des
Innenraumes im Jahre 1811 entfernt worden. Sie befindet sich heute
im Luther-Haus. Ihr Standpunkt war gegenüber der heutigen Kanzel.
Aus der Zeit
von 1512-1546 sind über 2.000 Predigten Luthers überliefert.
Betritt man die
Kirche, so fällt sofort der Blick auf den großen Altar mit den
vier Bildtafeln. Hieran haben Lucas Cranach, Vater und Sohn
gearbeitet.
Die Mitteltafel
zeigt das Abendmahl Jesu im Kreise seiner Jünger. Der Kreis ist
nicht geschlossen, d.h. es ist keine geschlossene Gesellschaft,
sondern für jedermann offen. Die Jünger sind in farbenprächtigen
Gewändern gekleidet. Judas hat bereits mit einem Bein die Runde
verlassen.
Lucas Cranach
d.J. reicht Martin Luther, noch als Junker Jörg gekleidet, einen
Becher.
Das linke Bild
zeigt Philipp Melanchthon bei der Taufe. Neben dem Taufbecken
stehen die Paten.
Auf dem rechten
Bild nimmt Johannes Bugenhagen die Beichte ab. Er spricht dem vor
ihm Knieenden die Vergebung zu, während ein anderer sich bußfertig
zeigt und darum mit gebundenen Händen gehen muss. Im Fußbild
sehen wir den predigenden Luther auf der Kanzel. Er weist auf den
Gekreuzigten. Ihm gegenüber hört die Gemeinde andächtig zu;
darunter auch seine Frau mit dem kleinen Sohn. Ebenso bekennt sich
Lucas Cranach zur reformierten Gemeinde.
Dieser Altar
ist unter den Cranach-Altären der einzige, der neben dem Abendmahl
auch Taufe und Beichte zeigt. Außerdem verleiht er anderen
Personen bekannte Gesichter von Kirche und Bürgerschaft.
Die Gemälde auf
der Rückseite stammen aus der Werkstatt von Lucas Cranach d.J. Sie
wurden erst 1883 restauriert.
Das gesamte
Kunstwerk ist bildhafter Ausdruck der neuen Lehre Martin Luthers,
die nur noch Abendmahl, Taufe und Buße als Sakrament zuließ.
Die biblischen
Szenen zeigen die Wittenberger Reformatoren. Diese verstanden sich
als Glieder der Gemeinde und ließen sich gerne in Ausübung
kirchlicher Handlungen darstellen.
Die Gemälde auf
der Rückseite stammen aus der Werkstatt von Lucas Cranach d.J. Sie
wurden erst 1883 restauriert.
Im Altarraum
finden sich noch weitere Werke von Lucas Cranach, Vater und Sohn.
Ein Grabstein
wurde angefertigt für Johannes Bugenhagen nach einer Zeichnung von
Cranach. Hier wird der Reformator im Relief gezeigt als erster
evangelischer Pfarrer der Stadtkirchengemeinde. Von Luther wurde
er sehr geschätzt und zu seinem Beichtvater erwählt. Er traute
auch Luther und Katharina von Bora 1525 und hielt später die
Beerdigungsansprache am Grabe Luthers.
Das Grabmal für
Lucas Cranach d.J. ist ein Marmor-Relief und zeigt die Grablegung
Christi.
Außen an der
Kirchenwand befindet sich ein Sandstein-Relief. Es ist ein
Hohnbild auf die Juden, die sogenannte Judensau. Hier wird
deutlich, dass die Juden, die es zahlreich in Wittenberg gab, von
der Heilserwartung der Christen ausgeschlossen wurden. 1988,
fünfzig Jahre nach Beginn der Judenverfolgung im Dritten Reich,
hat die Stadtkirchengemeinde ein Mahnmal unterhalb des Reliefs der
Öffentlichkeit übergeben. Es ist im Boden eingelassen, versehen
mit einem Schriftband in hebräischer Schrift. Es ist der Anfang
des 130. Psalm: „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir.“
Zum Mittagessen
wurden wir erwartet im Gasthaus „Zum Schwarzen Bär“. Nachdem wir
uns gestärkt und erfrischt hatten, ging’s weiter auf unserer Tour
vorbei am Melanchthon-Haus und der Universität zum
Luther-Haus.
Es war
ursprünglich ein Augustiner-Kloster, in dem Luther lebte.
Nach 1522 wurde es fast vollständig durch die Bilderstürmer
zerstört. Die Mönche verließen das Kloster, Luther aber blieb.
Neue Bedeutung
erhielt es, als Luther und Katharina von Bora 1525 vom
Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen getraut wurden. Sie bezogen das
Kloster als Wohnsitz. Umfangreiche Umbauten wurden im Laufe der
nächsten Jahrhunderte vorgenommen. Noch 1916 konnten neue
Ausstellungsräume eröffnet werden.
Bis zum letzten
Umbau betrat man das Haus durch das Katharinen-Portal. Diese
Eingangspforte war in Pirna als Auftrag von Katharina für Martin
angefertigt worden. Sie zeigt zwei Reliefs: Auf der einen Seite
den Reformator mit Doktorhut, auf der anderen Seite die Lutherrose.
Heute erfolgt
der Eintritt zum Lutherhaus durch eine separate Eingangshalle.
Hier ist das reformationsgeschichtliche Museum untergebracht. Auf
einem Rundgang durch das große Gebäude erhält man einen Einblick
von Luthers privatem und öffentlichen Leben.
Eine Ablaßtruhe erinnert an die Praxis, sich durch die Entrichtung
von Geldbeträgen das ewige Seelenheil zu sichern. Luther mußte
feststellen, daß mancher Wittenberger im nahen Jüterbog
Ablaßzettel kauften. Seine Kritik richtete sich besonders gegen
den Dominikaner-Mönch Tetzel. Von dem hieß es, daß er sogar für
Sünden Verstorbener und für noch zu begehende Vergehen Ablaß
gewährte.
Luthers 95
Thesen setzten sich mit dieser Ablaß-Praxis auseinander.
Einen weiteren
Schwerpunkt der Ausstellung bilden die zahlreichen Schriften
Luthers. Großen Wert legte er darauf, daß das einfache Volk seine
Reden verstand. Darum übersetzte er die Bibel und andere Schriften
ins Deutsche.
Im Refektorium,
dem ehemaligen Speisesaal der Mönche, ist die Zehn-Gebote-Tafel
von Lucas Cranach zu sehen.
Mit der
eindrucksvollen Bildersprache wurde dem einfachen Volk, das nicht
lesen und schreiben konnte, die christliche Moralauffassung nahe
gebracht.
Im großen
Hörsaal sieht man die Wappen von Luther und Melanchthon, die hier
gelehrt haben.
Ein großes
Ölgemälde zeigt den Kurfürsten Friedrich den Weisen.
Das um 1680
entstandene Barock-Katheder diente in der Universität als
repräsentatives Ausstellungsstück.
Die
Luther-Stube blieb über die Jahrhunderte weitgehend von
Veränderungen verschont. Die Fußbodendielen stammen noch aus
dieser Zeit. Den schönen Kachelofen kannte Luther nicht: Er ist
neueren Datums.
Bei seinem Tod
war Luther einer der reichsten und angesehensten Bürger der Stadt.
Dies war auch das Verdienst seiner tüchtigen Frau. Sie führte
einen großen Haushalt mit sechs Kindern und vielen Verwandten,
Bierbrauen und Viehzucht. Luther nannte sie häufig „Mein lieber
Herr Käthe“.
Hier endete
unser Rundgang durch das Luther-Haus, gleichzeitig war es auch das
Ende der Führung.
Der Bus brachte
uns anschließend in den Naturpark Hoher Fläming. Im Vorbeifahren
sahen wir noch das von Friedensreich Hundertwasser neugestaltete
„Martin-Luther-Gymnasium“.
In Lühnsdorf
wurden wir in der „Alten Schmiede“ zu Kaffee und Kuchen erwartet.
Kurze Zeit hielten wir uns dann in dem Streichelzoo auf, um
später, beladen mit vielen neuen Eindrücken, nach Spandau
zurückzukehren.
Wir danken
allen, die an der Gestaltung dieses gelungenen Tages mitgewirkt
haben.