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Pfr. Dr. Hermann Detering Philipp Melanchthon und Martin Luther Zwei Temperamente - zwei Standpunkte - eine Freundschaft Wer einmal in unserer Spandauer Melanchthonkirche gewesen ist, dem werden die beiden schönen Porträts an den Seitenwänden der Kirche kaum entgangen sein. Der eine der beiden Dargestellten ist aufgrund seiner wuchtigen und gedrungenen Gestalt unschwer als Martin Luther zu identifizieren. Bei dem anderen, der mit seinem schmalen, etwas eingefallenen Gesicht und seiner hageren Gestalt im seltsamen Kontrast dazu steht, handelt es sich um den Namenspatron unserer Kirche, um Philipp Melanchthon, der am 16.2. 1497 in Bretten geboren wurde.
Melanchthon
ist eigentlich kein deutscher Name, sondern eine griechische Übersetzung
des deutschen Wortes Schwarz-Erde. Offenbar hatten die Vorfahren
Philipps einmal Schwarzert oder ähnlich geheißen. Die im
Renaissance-Zeitalter aufkommende humanistische Vorliebe für die
klassische Antike und für die alten Sprachen scheint dann die Namensänderung
veranlaßt zu haben.
Darin
offenbart sich übrigens ein Zug, der für Philipp Melanchthon und sein
Werk sehr charakteristisch werden sollte: die Hinwendung zum
klassisch-humanistischen Erbe.
Für
Melanchthon, der mit dem größten Humanisten und Gelehrten der
damaligen Zeit, Erasmus von Rotterdam, befreundet war, besaß dieses
immer ein sehr viel größeres Gewicht als für Luther, für den die
Heilige Schrift und vor allem die biblische Rechtfertigungsbotschaft des
Paulus zeitlebens die alleinige Richtschnur seines Glaubens und Denkens
blieb. Auch Melanchthonn ging selbstverständlich von der
reformatorischen Wiederentdeckung der paulinischen Rechtfertigungslehre
aus. Doch stärker als Luther und andere Reformatoren bemühte er sich
darum, den Geist der klassischen Antike mit der von Luther wieder neu an
das Licht gebrachten biblischen Botschaft zu versöhnen. Bibel und
(klassische) Bildung, Plato und Paulus, Vernunft und Glaube stehen hier
nicht mehr so schroff einander gegenüber, wie dies bei Luther mitunter
der Fall ist.
Wegen
seiner außerordentlichen Leistungen nicht nur auf dem Gebiet der
christlichen Religion, sondern auch auf dem der allgemeinen Bildung
konnte Melanchthon später "Praeceptor germaniae", d.h.
"Lehrer Deutschlands", genannt werden. Melanchthon hat sich
vor allem um die Organisation des Hoch- und Lateinschulwesens sehr
verdient gemacht. Wer das Porträt Melanchthons in unserer Kirche schon einmal etwas näher betrachtet hat, wird sich gefragt haben, was die lateinischen Worte darunter zu bedeuten haben.
IAPETI
DE GENTE PRIOR MAIORVE LVTHERO
Obschon
auch Melanchthon dem "Geschlecht des Giganten" (mit iapetus =
Gigant ist Luther gemeint) zugerechnet wird, bezieht sich dies weniger
auf die äußere Erscheinung Melanchthons, den wir uns gut einen halben
Kopf kleiner als Luther und wohl eher etwas unscheinbar vorzustellen
haben, sondern mehr auf dessen geistige Kapazität. Luther und seine
Wittenberger Kollegen haben sofort bemerkt, daß in dem etwas schmächtigen
Körper des Gelehrten ein großer und scharfer Geist wohnte. Als
Melanchthon am 29. August 1518 als Einundzwanzigjähriger in Wittenberg
seine Antrittsvorlesung gehalten hatte, schrieb Luther an seine Freunde
»Wir
haben sehr schnell den geringen Eindruck, den wir von Statur und Person
(Melanchthons) haben, aufgegeben und bewundern die Sache, die in dem
Mann steckt, und gratulieren uns zu ihm.«
Die
Freude über den neugewonnen Wittenberger Mitarbeiter blieb kein schnell
aufflackerndes Strohfeuer. Luther hat es zeitlebens als ein großes Glück
empfunden, den humanistischen Gelehrten im reformatorischen Kampf an
seiner Seite zu wissen. Trotz des Altersunterschiedes, trotz der gegensätzlichen
Charaktere - der eine, Melanchthon, besonnen, aber ein wenig zaghaft,
der andere, Luther, ein unerschrockener Kämpfer, aber etwas cholerisch
-, trotz ihrer unterschiedlichen geistigen Ausrichtung blieben sie
lebenslänglich in Freundschaft miteinander verbunden. Dabei gab es gewiß auch - bedingt durch die Unterschiede - manche Krisen und Bewährungsproben. Zu einer der stärksten Zerreißproben in der Geschichte ihrer Freundschaft sollte das Jahr 1525 werden, als Luther mit dem einstigen Förderer und Gönner Melanchthons, Erasmus von Rotterdam, wegen der Frage der menschlichen Willensfreiheit aneinandergeriet. Melanchthon war verständerlicherweise in dem Streit der beiden Freunde hin- und hergerissen und hatte nur den einen Wunsch, daß man die »törichten Erörterungen fahren ließe und auf das aus wäre, was das Gewissen erbaut« - was man sowohl als Kritik an Luther als auch an Erasmus auffassen kann.
Eine
ähnlich schwere Belastungsprobe ereignete sich noch einmal im
Zusammenhang mit dem Abendmahlsstreit zwischen Luther und dem Schweizer
Reformator Zwingli. Auch hier vertrat Melanchthon eine andere Auffassung
als Luther, so daß manche Anhänger Luthers in ihm geradezu einen Verräter
sehen und von der »Schlange« sprechen konnten, die Luther an seinem
Busen genährt habe (Anspielung auf die Schlange im Wappen Melanchthons,
die bis heute auch auf dem Siegelstempel unserer Gemeinde zu sehen ist)
. Diese und andere Belastungsproben haben das zwischen Melanchthon und
Luther bestehende freundschaftliche Band nicht zerreißen können.
Als Melanchthon vierzehn Jahre nach Martin Luther am 19. April 1560
verstarb, wurde er neben seinem früheren Kampfgefährten in der Schloßkirche
zu Wittenberg beigesetzt. Wie man aus dem Verhältnis der beiden Reformatoren ersieht, kann man in der evangelischen Kirche in wichtigen theologischen Fragen durchaus verschiedene Ansichten haben - solange man in den wichtigsten Punkten des christlichen Glaubens und in gegenseitigem menschlichen Respekt - miteinander verbunden bleibt.
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